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Glas hat eine glühende SeeleOrientalischer Zauber aus 1001 Nacht -die tunesische Künstlerin Sadika Kammoun fängt in ihrem Glas Träume eine.Rhytmus halten! Eins, zwei, drei, vier, atmen, eins, zwei, drei, vier, zurück ins Feuer und weiter eins, zwei, drei, vier. Die Luft, es ist unerträglich heiß. So um die 80 Grad in unmittelbarer Nähe der dröhnenden Öfen mit ihrem Flammenloch. Schweißperlen sammeln sich auf der Stirn der dunkelhaarigen Frau, die mit beiden Händen das stählerne Blasrohr hält und den roten Glasball am unteren Ende des hohlen Stabes mit ihrem Atem formt. Konzentriert, zügig, professionell. "Man darf dem Glas keine Sekunde die Gelegenheit geben, eine Eigendynamik zu entwickeln", erzählt sie später. "Es lebt, es hat eine glühende, eigenwillige Seele." Die Gefäße und Leuchten, Glasbilder und Skulpturen der Tunesierin Sadika Kammoun sind weltberühmt. Ihre Exponate findet man in Europa, Israel, China und den USA. Von der tunesischen Regierung wurde sie geehrt, indem diese zwei ihrer Werke auf Briefmarken abbiltete. Vor kurzem war ein Vertreter der UNESCO mit einer Kostbarkeit im Gepäck unterwegs nach Rom. Es handelte sich um einen kunstvoll verzierten Becher, als Geschenk für den Papst. Selbst im Guinness-Buch der Rekorde ist die 38 Jährige verewigt: mit dem größten Kronleuchter der Welt - imposanter Deckenschmuck in einem Hotel auf der tunesischen Insel Djerba. DreiTonnen schwer, aus 20000 mundgeblasenen Glaskugeln gefertigt. "Das gesamte Team hat daran vier Monate rund um die Uhr gearbeitet.", erinnert sie sich. Das gesamte Team, das sind mittlerweile 22 Leute mit ihr als kreativem Kopf. Ehemann und Partner Tarek leitet die wirtschaftlichen Geschicke der erfolgreichen Glasbläserei, die von außen wirkt wie ein Märchen aus Tausendundeiner Nacht: ein weiß verputzter Kuppelbau in maurischem Stil mit eisenbeschlagener, blau gestrichener Flügeltür. Das glutheiße Herz des Hauses ist die Werkstatt mit ihren lärmenden Gasöfen. Und dann verteilen sich auf den 350 Quadratmetern noch Ausstellungsräume und ein Maleratelier, in dem vier Künstler Gläser und Vasen mit orientalischen Ornamenten verzieren. "Vor allem für den tunesischen Markt", kommentiert Sadika. "Die Menschen hier mögen es im Gegenteil zu vielen Europäern gerne reich dekoriert." Handy! Sadika wischt sich mit dem Ärmel den Schweiß von der Stirn und angelt es aus der Jackentasche. Farma ist dran, die neunjährige Tochter. Sie und ihre achtjährige Schwester Zeineb fragen, wann die Mutter nach Hause kommt. "Die Mittagsstunden sind uns heilig, wir essen zusammen und besprechen, was so anliegt." Viel Zeit bleibt für privates bei einer 7-Tage-Woche nicht übrig. Selbst während ihrer zweiten Schwangerschaft hörte die durchweg gutgelaunte Künstlerin erst in letzter Minute auf zu arbeiten. Sehr zum Erstaunen eines Fernsehteams, das sie, im achten Monat Schwanger, beim Glasblasen filmte und mutmaßte, sie wolle das Kind wohl ausbrüten. "Es ist in Tunesien durchaus üblich, als Frau und Mutter dem eigenen Beruf nachzugehen und für die Hausarbeit jemanden einzustellen", meint Sadika. "Bei uns gibt's die Emanzipation auch schon seit den 60er Jahren, und die Gleichberechtigung ist in der Verfassung verankert." Sie selbst könne sich ja schließlich auf Dienstreisen zwischendurch mal ein bißchen ausruhen.
Die nächste geht nach Venedig, in besonderer Mission: Dort will Sadika Kammoun auf einem Treffen von Archäologen und Glaskünstlern ihre neuesten Forschungsergebnisse vorstellen. Die Wiederentdeckung der phönizischen Glastechnik, ihr Steckenpferd. "Die Phönizer, die etwa 1200 v. Chr. nach Tunesien kamen, haben das Glas nicht geblasen, sondern eine Art Glasteig hergestellt und den dann gegossen." In diesem alten Verfahren hat sie auch ihr letztes Werk gefertigt, eine Reihe von flachen, reliefartigen Glasbildern. Sie heißen "Der kleine Katalog barbarischer Nationen" und stellen die Geschichte verschiedener Völker dar, die im Laufe der Jahrtausende das Land durchzogen. Dominique Medard, ein befreundeter Künstler, zeichnete dazu die Entwürfe, Alain Nadaud, gerade mit einem Literaturpreis ausgezeichnet, schreibt den begleitenden Text. Zur Zeit wartet sie auf eine offizielle Einladung aus New York für die Ausstellung dieses Gemeinschaftswerks. Nachmittagsschicht. Die Sonne steht ein bißchen tiefer, verliert an Kraft. Im Werkraum dagegen ist es unvermindert heiß. "Ist die Temperatur der Öfen einmal auf zirka 1200 Grad hochgefahren, brennen Sie ununterbrochen etwa sieben Jahre bis zum Ablauf ihrer Lebensdauer", erklärt Sadika, während sie ihre Lockenmähne zum Zopf bändigt und nach dem Metallstab greift. Wenige Minuten später glüht an dessen Ende erneut ein Glasballon, den sie rythmisch mit ihrem Atem dehnt und immer wieder in die Flamme taucht, damit er nicht erstarrt. Dann schwenkte sie ihn durch die Luft, bis er sich durch die Schwerkraft länglich verformt, klettert auf einen Hocker und entläßt den Ballon von oben in eine Eisenform, durch deren Stäbe sich das Glas wie ein reifer Kürbis wölbt. Auch eine von Sadika entwickelte Technik - mittlerweile vielfach kopiert. Das war in den 80er Jahren, noch im winzigen Studio einer Mietwohnung. "Dort mußte ich ausziehen, nachdem die Tochter der Vermieterin, Angestellte bei einer Versicherung, entdeckte, daß ich einen Ofen installiert hatte", erzählte sie lachend. Doch das schreckte Sadika wenig. Die nächsten Monate arbeitete sie als Textil-Designerin, bevor sie später mit Tarek die neue Glasbläserei eröffnete. Der Umgang mit Stoff war ihr schließlich von Haus aus vertraut. Sie wuchs auf umgeben von acht Tanten, allesamt Kunststickerinnen, ebenso wie ihre Mutter. " Auch wenn ich nicht in ihre Fußstapfen treten wollte, haben sie mich die Liebe zu Textilem gelehrt." Und ganz bestimmt ihre Entscheidung beeinflußt, nach dem Abitur Kunst zu studieren und sich später im italienischen Murano zwei Jahre lang auf Glasbläserei zu spezialisieren. "Als ich da zum ersten Mal Glas blies, wurde mir schwindelig. Aber ich fühlte, es ist reine Magie. Und genau das, was mein Leben bestimmen wird." TIP: Wer in Tunesien Urlaub macht, sollte sich unbedingt die Verkaufsausstellung in der Glasbläserei in Gammarth, dem nörlichen Vorort von Tunis, anschauen (Anschrift: Verre Soufflé Sadika, Zone Touristique Gammarth, 2078 Marsa Saf Saf, Telefon 01/74 66 00). Dort sind zusätzlich zum Beispiel Objekte zu sehen, die Sadika in der Medina von Tunis, dem Basar, kunstvoll mit Silber verzieren läßt. CHRISTIANE BLOCH aus: Vital 1/99
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